
Bereits im Titel wird klargestellt, dass es diesem Text nicht um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Konzept Gender Mainstreaming geht, sondern dass vielmehr Erfolgsfaktoren für eine Umsetzung definiert werden.
Als solche benennt die Autorin: die Klarheit des Konzeptes Gender Mainstreaming, die Gestaltung von Gender Mainstreaming als Reorganisationsprozess und die kontinuierliche Weiterentwicklung von Gender Mainstreaming Kompetenz. Bei dem ersten Erfolgsfaktor, der Klarheit des Konzeptes, geht es sowohl um die Zielorientierung als auch um die Abgrenzung von Gender Mainstreaming zu anderen geschlechterpolitischen Strategien. Bei der Beschreibung des zweiten Erfolgsfaktors werden vier Phasen der Prozessgestaltung genannt, die zur Implementierung von Gender Mainstreaming dazugehören. Der dritte Erfolgsfaktor, die Gender Mainstreaming Kompetenz, wird inhaltlich und didaktisch definiert. Im vierten Kapitel geht es unter dem „Sonderfall Gender Budgeting“ darum, Erfolgsfaktoren für Initiativen in der Haushaltspolitik zu bestimmen. Die Autorin bezieht Position: Sie stellt Gender Mainstreaming als ein sehr anspruchsvolles Konzept vor, betont, dass es nicht nur um Frauen sondern auch um die Veränderung der Männerrolle und männlichen Positionen geht und unterstreicht, dass Gender Mainstreaming vor allen Dingen für solche Organisationen geeignet ist, die demokratisch legitimiert auf gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse Einfluss nehmen.
Was ist nun neu an dieser Broschüre?
Es sind vor allem zwei wichtige Aspekte, die in der Regel in dieser Deutlichkeit und Klarheit in vielen allgemeinen Informationsbroschüren zu Gender Mainstreaming nicht vorkommen:
Zum einen wird die Bedeutung der Zielbestimmung bei Gender Mainstreaming Prozessen unterstrichen. Die Autorin plädiert dafür, dass nur eine konsequente Zielorientierung zum Erfolg führt und damit hat sie recht: Gender Mainstreaming wird damit als geschlechterpolitische Strategie hervorgehoben, bei der es nicht um eine zusätzliche Beschäftigung von MitarbeiterInnen in Verwaltungen sondern vielmehr um die Herstellung von Geschlechtergleichheit oder Geschlechtergerechtigkeit geht. Insbesondere die Operationalisierung und Indikatorisierung von allgemeinen Zielsetzungen kommen in der Regel bei der Beschreibung von Gender Mainstreaming viel zu kurz, so dass die Gefahr besteht, dass Gender Mainstreaming selber als Ziel scheint.
Zum anderen ist die Fokussierung bei der Implementierung von Gender Mainstreaming auf den Reorganisationsprozess zwar nicht ganz neu, aber in dieser Ausführlichkeit und Klarheit ein guter Wegweiser. In diesem Kapitel erkennt man den breiten Erfahrungsschatz der Beraterin. Durch die analytische Beschreibung eines Reorganisationsprozesses wird verhindert, dass der Eindruck entsteht, Gender Mainstreaming erschöpfe sich in der Durchführung kleiner Pilotprojekte. Vielmehr wird deutlich, dass geschlechterpolitische Zielsetzungen nur durch einen in der Tat revolutionären Veränderungsprozess der Organisation selbst erreicht werden können. Neu für die deutsche Debatte sind auch die Verweise auf den Staat Luxemburg, zu dessen Kennerin und Beraterin die Autorin zählt.
Dass das Kapitel über Gender Budgeting noch etwas kurz und allgemein ist, kann der Autorin nicht angelastet werden, vielmehr gibt es bislang noch keine auch nur annähernd wissenschaftlich begleiteten oder kommunizierten Erfahrungen mit dieser Form des Gender Mainstreaming. So können die Anwendungsbeispiele auch noch keinen vertiefenden Einblick in bewährte Praxis bieten, wie das etwa bei der Darstellung von betrieblichen Reorganisationsprozessen möglich ist. Begrüßenswert ist, dass in diesem Sonderfall Gender Budgeting auf die Notwendigkeit zivilgesellschaftlicher Expertise und Beteiligung verwiesen wird, ein Verweis, der vielleicht bei der Beschreibung von Gender Mainstreaming generell etwas zu kurz gekommen ist. Der Text ist für diejenigen geeignet, die in ihrer Organisation Gender Mainstreaming umsetzen wollen (oder müssen). Diesen Praktikerinnen wird klar gemacht, dass sowohl die Zielsetzung einer besondere Anstrengung bedarf und als auch die Gestaltung eines Reorganisationsprozesses wichtig ist.
Dies ist eine mutige Leistung, zumal sie aus der Feder einer Beraterin kommt, die in der Regel auch auf die „Kundenwünsche“ eingehen muss. Die Broschüre ist auch für die sich neu konstituierende Beraterszene bestens geeignet, da hier doch manchmal der Trend herrscht, Gender Mainstreaming zu bagatellisieren und die geschlechterpolitische Bedeutung des Konzeptes zu vernachlässigen.
Hier setzt Anne Rösgen Maßstäbe, die als „allgemeinverbindlich“ erklärt werden sollten.